Die Fußball-WM 2010 ist vorbei. Eine Bilanz unter sportlichen Gesichtspunkten erspare ich der geneigten Leserschaft. Wenn ich aber für mich selbst die Frage „Was hat die WM gebracht?“ beantworten soll, so fällt die Antwort eindeutig aus: die Vuvuzela. Noch mehr als die Frage, ob es sinnvoll sei, Cacau von Beginn eines Spiels an einzusetzen, polarisierte dieses wunderbare Instrument Fußballbegeisterte und Nicht-Fußballbegeisterte gleichermaßen.

Auch in der Blogosphäre war viel Kontroverses zu lesen: Die Vuvuzela-Gegner wurden nicht müde zu betonen, dass die Tradition der Vuvuzela allenfalls vier Jahrzehnte zurückreiche, und sie deshalb keine Berechtigung habe (vgl. z. B. rotstehtunsgut.de, Wir sind im Garten und Rainer’sche Post).

Vuvuzela-EngelDabei gibt es zahlreiche Zeugnisse, die belegen, dass die Tradition der Vuvuzela viel weiter zurückreicht. Vuvuzelas wurden bereits in der Stummfilmära, aber auch schon viel früher, im Barock, eingesetzt. Forschungen der UB Heidelberg belegen jedoch, dass bereits im frühen 14. Jahrhundert Abbildungen mehr als einer Vuvuzela im Codex Manesse existieren (via Archivalia). Für mich als Freiburger ist die Fragestellung sowieso obsolet, da ich jahrelang im Schatten vierer Darstellungen von Vuvuzela-Bläsern aus dem 13. bzw. 14. Jahrhundert gelebt habe (siehe Bild rechts).

Vuvuzela omnipräsent

Der Einfluss der Vuvuzela auf sämtliche Bereiche menschlicher Kultur in immens: Sie ist Namensgeberin für eine neu entdeckte Art der Iris-Gewächse, „Moraea vuvuzela“, gebräuchliches Symbol in der Ornamentik, stilbildend in der Architektur, Gegenstand allerlei wissenschaftlicher Experimente, Bestandteil einer Wagner-Inszenierung in Bayreuth, beeinflusst die Kulinarik, ja sogar ein Mädchen in Urugay soll jetzt den wohlklingenden Namen „Maria Vuvuzela“ erhalten. Dies hat auch die Hamburger Akademie für Fernstudien erkannt (vgl. lernen und arbeiten, Weiterbildung im Fernstudium und Fernstudiumblog.de):

Das Vuvuzela-Spiel ist die zentrale Schlüsselqualifikation dieses Sommers.

Die Vuvuzela in der Musik

Durfte anfangs noch ungestraft die These verbreitet werden, eine Vuvuzela eigne sich lediglich zum Krachmachen, so ist inzwischen zweifelsfrei erwiesen, dass dieses herrliche Instrument seit langem einen festen Platz in der Kunstmusik hat. Geht auf der einen Seite die Entwicklung eher in Richtung „weiter, größer, mehr“, so gibt es auf der anderen Seite doch auch zahlreiche Beispiele für sehr differenziertes Vuvuzela-Spiel:

  • Norbert Haas, Trompeter im Sinfonieorchester des hr, bedient sich eines Tricks, um der Vuvuzela mehr als nur einen Ton zu entlocken (vgl. Geo Blog und eThekwini Blog).
  • Die Frage nach Modifikationen der Vuvuzela zugunsten einer universelleren Einsetzbarkeit wird oft diskutiert. Leider bleibt aber auch hier die Theorie weit hinter der Praxis zurück, wie Beispiele bei YouTube beweisen: Haydn und Auld Lang Syne.
  • Instrumentenkundliches zur Vuvuzela ist im Internet inzwischen zuhauf zu lesen (vgl. z. B. Newswertig und ryuus hort).
  • Die WDR Big Band nimmt sich der Vuvuzela als eine der Wurzeln des Jazz an (via Musikverein Blog-Buch).
  • Auch die Berliner Philharmoniker wissen die Vuvuzela stilgerecht einzusetzen.
  • Diesen Sommer entstanden zahlreiche neue Kompositionen für die Vuvuzela, wie z. B. das Vuvuzela Songbook und das Vuvuzela Concerto in B flat, welches inzwischen auch in einer Bearbeitung für Klavier existiert.
  • Aber schon früher schrieben Komponisten immer wieder Sücke für die Vuvuzela. Drei Blechbläser des Konzerthausorchesters Berlin demonstrieren den Einsatz der Vuvuzela bei Brahms und Ravel (via NachrichtenMann.de, Putzlowitscher Zeitung und Gedankendepot).
  • Maurice Ravel, der Meister der Instrumentation, hat ein weiteres Stück für die Vuvuzela komponiert: „Le Gibet“ aus „Gaspard de la nuit“.

Joseph Haydn und die Vuvuzela

Ich selbst habe bei Joseph Haydn ein Stück für vier Vuvuzelas gefunden: sein berühmtes „Vuvuzela-Quartett“. Haydn steht rezeptionsgeschichtlich etwas im Schatten seiner Kollegen Mozart und Beethoven – völlig zu Unrecht, wie ich finde! Haydn war ein Mann von schier unglaublichem Weitblick. Bereits 1796 komponiert er die Hymne „Gott erhalte Uwe Seeler“ als Huldigung für den Fußballer Uwe Seeler. Von dessen Namen leitete sich später auch die Bezeichnung Vuvuzela ab. 1797 schrieb Haydn dann ein Quartett, in dessen zweiten Satz er die „Vuvuzela“-Hymne als Thema eine Variationssatzes verwendete. Daher bekam das Quartett den Beinamen „Vuvuzela-Quartett“. Im selben Jahr jedoch änderte Haydn in seinem Weitblick den Text der Hymne in „Gott erhalte Franz den Kaiser“, da er schon damals ahnte, dass Franz Beckenbauer die größere Fußballerkarriere haben würde als Uwe Seeler. Daher ist das Quartett heute auch eher unter dem geläufigeren Namen „Kaiserquartett“ bekannt.

Mir ist nun eine Rekonstruktion des langsamen Satzes daraus in der Originalbesetzung gelungen, die ich hier präsentieren möchte:

In diesem Sinne: Die WM ist vorbei – die Vuvuzela bleibt!

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