» Direkt zum Video springen

Erbitterte Diskussionen in diesen Tagen unter Sängerinnen und Sängern, Profis und Amateuren, Solisten und Chorsängerinnen und -sängern. Zentrale Frage dabei: Wie gefährlich ist Singen in Zeiten von SARS-CoV-2?

Der Videobeweis

Dabei wird gerne auch zu einem Mittel gegriffen, das neuerdings auch bei Fußballspielen eingesetzt wird: dem Videobeweis.

Profisänger

Der österreichische Startenor Andreas Schager, ein ehemaliger lyrischer Operettentenor, wendet sich am 11. Mai 2020 per Videobotschaft an seine damals noch amtierende Kulturstaatssekretärin und versucht mittels eines „Experiments“ zu zeigen, dass Singen in Sachen Ansteckung mit COVID-19 völlig ungefährlich sei. Ein Ziel hat er damit jedenfalls erreicht: Vier Tage später erklärt die angesprochene Politikerin ihren Rücktritt.

Aber hat er denn auch in Sachen Gesang das bewiesen, was er demonstrieren wollte? Nicht nur die Wissenschaftsredaktion des Onlinemagazins Futurezone bezweifeln das

Wissenschaft

Aber nicht nur der genannte Tenor, sondern auch ein Team von Wissenschaftlern der Universität der Bundeswehr griffen zu dem Mittel des Videobeweises. Bereits am 7. Mai hatte das Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht. Im Rahmen dieser Studie wurde auch ein Video veröffentlicht, das die Sängerin und Dozentin am Salzburger Mozarteum, Marion Spingler mit fast exakt demselben „Experiment“ zeigt, dessen Beweiskraft auch bei ihrem Kollegen Schager angezweifelt wurde.

Das „Experiment“ mit der Kerze

Aber worum geht es in dem „Experiment“? Es ist an sich ein uraltes Mittel aus der Trickkiste versierter Gesangspädagogen: Man hält beim Singen eine Kerze mit nicht zu großem Abstand vor den Mund. Die Kerzenflamme, die dabei kaum bzw. gar nicht ins Flackern gerät, ist dabei ein Indiz, dass während der Phonation nur sehr wenig Luft aus der Kehle der Sängerin bzw. des Sängers austritt. Dieser Fakt ist kein Wunder: Bei einer guten Gesangstechnik findet ein sog. „Stimmschluss“ statt. Das bedeutet, dass die Stimmlippen sich berühren („schließen“) und nur durch den Luftstrom von unten auf- und zuflattern. Die Frequenz dieses „Flatterns“ entspricht der Frequenz des gesungenen Tones. Die austretende Luftmenge ist dabei auch bei sehr lauten Tönen relativ gering.

Sowohl die Kollegin Spingler, als auch der Kollege Schager demonstrieren das in den jeweiligen Videos wie zu erwarten. Der Heldentenor sogar noch eindrucksvoller, indem er einen Höhepunkt aus Verdis Oper Otello zelebriert: In beiden Videos bewegt sich die Flamme bei den gesungenen Vokalen praktisch nicht.

Konsonanten

Bei den Konsonanten hingegen bietet sich bereits ein differenzierteres Bild: Während Schager es schafft, dass die Flamme auch durch seine Konsonanten kaum zu flackern beginnt, gerät die Kerzenflamme im Video der Bundeswehruni bei einem „T“ der Kollegin Spingler bereits sehr stark ins Flackern. Und das, obwohl stimmlose Plosive im Italienischen nicht aspiriert ausgesprochen werden.

So ist das Fazit von Prof. Kähler und Dr. Hain erklärbar:

Bei der professionellen Sängerin haben die Versuche gezeigt, dass bei einem Abstand von rund 0,5 m nahezu keine Luftbewegung mehr feststellbar ist, unabhängig davon wie laut der Ton war und welche Tonhöhe gesungen wurde.

Beethoven als Beweis

Zwei Mankos wiesen die bisher existierenden „Videobeweise“ also auf:

  1. Die Texte beider Stücke waren in italienischer Sprache, also mit nicht aspirierten stimmlosen Plosiven. Stimmlose Plosive sind also bisher nicht untersucht worden.
  2. Die Experimente wurden bisher zwar mit professionellen Sängern durchgeführt, jedoch nicht mit professionellen Chorsängern. Im Chorgesang, insbesondere bei Stücken mit großer Orchesterbesetzung, wird aber in der Regel eine (über-)deutliche Artikulation der Konsonanten praktiziert. In dieser Hinsicht bestand also noch Forschungsbedarf.

Diese „Forschungslücke“ brachte mich dazu, selbst ein Experiment durchzuführen. Und welches Stück wäre im Beethoven-Jubiläumsjahr besser geeignet als der Schlusschor aus der 9. Sinfonie mit Schillers „Ode an die Freude“?

Gesagt – getan. Hier das Ergebnis, die Chorstelle „und der Cherub steht vor Gott“, kurz bevor dann wieder Herr Schager an der Reihe wäre:

9 Candles for Beethoven’s 9th

Play

» 9 Candles for Beethoven’s 9th @YouTube

Besetzung

Berliner Philharmoniker
Rundfunkchor Berlin

» 2019, Berlin, Brandenburger Tor, Kirill Petrenko
» 2014, Berlin, Philharmonie, Sir Simon Rattle
» 2013, Berlin, Waldbühne, Sir Simon Rattle

Choreinstudierung: Gijs Leenaars (2019), Simon Halsey (2014 & 2013)